Zum 200. Geburtstag von Johann Hinrich Wichern

Wichern heute

 

Am 21. April 2008 war der 200. Geburtstag des Theologen und Sozialreformers Johann Hinrich Wichern. Der Begründer der „Rettungsanstalt für sittlich verwahrloste Kinder“ in seiner Heimatstadt Hamburg (Rauhes Haus, 1833) wird 1848 mit seiner enthusiastischen Rede auf dem Kirchentag zu Wittenberg zum eigentlichen Begründer der Diakonie. Hilfe für Bedrängte, Notleidende, Beladene ist seit jeher Aufgabe christlicher Kirchen. Auf Wicherns Initiative hin entsteht der Central-Ausschuss für Innere Mission, der die kirchliche sozialpflegerische Arbeit verbindet und dessen Präsident er später wird.

 

Wicherns Verständnis der Inneren Mission – „Bekenntnis des Glaubens durch die Tat der rettenden Liebe“ – zeichnet vor, dass aus dem Gebot der Nächstenliebe heraus Kirche stets Anwalt der Schwachen zu sein hat. Spätestens seit Wichern muss Kirche in der ersten Reihe stehen, wenn es gilt, Armut und Not zu erkennen und zu lindern, zu verhindern oder zu beseitigen. Als junger Sonntagsschullehrer geht Wichern dahin, wo die Not am größten ist. Er besucht auch die verarmten, verwahrlosten und aus Not kriminell gewordenen Eltern seiner Schüler. Er sieht das Elend im „wahren Volksleben“. Seitdem heißt seine Maxime: „Die Kirche muss zu den Menschen gehen.“ Wer „zu den Menschen geht“, kann gesellschaftliche Entwicklungen früh erkennen.

 

Wichern geht auch zu Gefangenen und fördert so die Straffälligenhilfe und Gefangenenseelsorge. In den fünfziger Jahren berät er Preußens Regierung bei der Reform des Gefängniswesens. Bald tritt er in preußische Dienste, wird „Vortragender Rat der Strafanstalten und des Armenwesens“. Die von ihm angestrebte Gefängnisreform – er ist für Einzelhaft, damit ein Delinquent sich ohne Einflüsse von außen besinnen kann – scheitert jedoch an der Bürokratie, an der liberalen Opposition und an fehlenden Finanzmitteln. Als Preußen seine Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich führt, schickt Wichern ausgebildete Diakone mit ins Feld. Daraus entwickelt sich die Soldaten-seelsorge. Er sieht in Hamburg, dass Binnenschiffer und Seeleute wegen ungewöhnlicher Arbeitszeiten an Land und zu Wasser kaum zur Kirche gehen können. So schickt er einen Diakon zu ihnen. Daraus entwickeln sich Schifferdienst und Seemannsmission. Sehen, Erkennen, Helfen heißt sein einfaches, bis heute nachahmenswertes Prinzip.

 

Wichern fordert soziale Verantwortung des Staates ein. Womöglich wäre ohne die Innere Mission die Sozialversicherung erst Jahrzehnte später in Deutschland eingerichtet worden. Zudem wirkt ein Mitglied des Central-Ausschusses, der Jurist Theodor Lohmann, als enger Mitarbeiter des Reichskanzlers Otto von Bismarck daran mit. Die Organisation des Krankenkassensystems ist ebenfalls Lohmanns Werk.

 

Heute gehören zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland 22 Landesverbände, 81 Fachverbände mit unterschiedlichen Arbeitsfeldern und über 27.000 Einrichtungen und Dienste mit über einer Million Plätzen. In der Diakonie arbeiten über 435.000 Mitarbeiter. Zudem sind rund 400.000 Menschen ehrenamtlich dafür tätig.
Die große Zahl der Fachverbände zeigt, dass die Kirche seit Wichern ihre sozialen Aufgaben und Dienste auf alle schwierigen Lebenslagen ausgeweitet hat. In Wicherns Sinn versuchen die Mitarbeitenden, Schwächere wieder voll in die Zivilgesellschaft einzubinden. Und diese Hilfe hat immer zugleich auch einen seelsorgerlichen Aspekt.

 

(Quelle: Pressestelle des Diakonischen Werkes der EKD)